Von Graffiti und Wahlkampfplakaten:
ein flüchtig skizzierter Steckbrief aus Frankfurt a. M.


Von Christian Thomas
Ein Versprechen, wie gemalt: Unsere Stadt soll schöner werden. Aber so richtig gelingt das kaum, auch wenn jede weiße Wand eine Provokation darstellt, jeder Laternenpfahl wie eine Herausforderung erscheint, um an ihm eine Parole abzuschlagen. In den letzten Wochen, bis gestern, um genau zu sein, lebte die Bevölkerung in einer Stadt, die überhaupt nicht schöner geworden ist.
Rund heraus gesagt lag es daran, dass in Frankfurt Wahlkampfzeit gewesen ist. Dass aber ausgerechnet Frankfurt mit abgrundtief schlecht gestalteten Wahlkampf-Plakaten konfrontiert war, bleibt insofern bemerkenswert, als es sich bei der kleinen Großstadt um eine Metropole der Werbung handelt. Frankfurt ist gesegnet; die Stadt ist eine Hochburg der Grafikdesignartisten und Werbespotriesen, die sich, allesamt, auf das schön eingewickelte Versprechen verstehen. Vielleicht erklärt diese Frankfurter Spezialität auch das jüngste Ehrenwort, dass der Stadt, Kommunalwahlkampf hin oder her, ein hartes Vorgehen gegen eine besondere Geißel verheißt. Die Graffiti-Geißel. Eine Sondereinsatzgruppe der Polizei soll zusammengestellt werden, um den Sprayern das Handwerk zu legen.
Auf der Lauer, hinter jeden provozierend weißen Mauer: ein mobiles Anti-Spray-Kommando. Mittlerweile sind die Verhältnisse in der Stadt der Kreativen, der Werbegrafiker und Sprayer ja tatsächlich so, dass das wachsame Auge in unmittelbarer Nähe einer freien Fläche nur drei Nächte warten muss, um eine dunkle Gestalt beim Fassaden-Piercing zu erwischen. Denn tatsächlich scheint ja der Ehrenkodex der Sprayer keinen Unterschied mehr zu machen zwischen eigener Arschbacke und fremdem Garagentor, zwischen Brust, Schenkel, Müllcontainer oder Kirchenfassade.
Um so erstaunlicher, dass sich die Graffiti-Szene bis heute nur selten anheischig gemacht hat, im frühen Morgengrauen gegen PKWs vorzugehen. Es scheint ganz so, als funktioniere bei diesen Nomaden der Nacht ein archaischer Instinkt. Der Sprayer ist bis heute ein Jäger von fest verwurzeltem Eigentum geblieben. Ein Immobilienjäger!
Zudem hat die Gegenwart an ihm den guten alten Sammler von Reviergrenzen, an denen er seine Duftmarken setzen kann. Wiewohl: Sprechen gegen diesen Befund nicht die grell zugerichteten U- und S-Bahnen? Kann es also sein, dass der Sprayer zum PKW ein besonders besetztes, ein unausgesprochenes Verhältnis hat? Zu was ist Fetischismus fähig? Das sind Fragen, die unruhig machen können.
Nur gut, dass immerhin die politische Aufregung sich bald schon legen wird, wenn ein - so viel steht fest - adrettes Frankfurter Stadtoberhaupt sein Amt im Römer fortsetzt. Wenn also durchaus einmal Zeit sein wird, intensiv über Mittel gegen die Sprayer nachzudenken, über kriminologische, ästhetische oder auch, sagen wir, erziehungstechnische Maßnahmen. Denn sie tätowieren ja tatsächlich gotische Reste, ihr Baukörper-Painting macht keinen Unterschied zwischen U-Bahn-Schacht und Museumsfassade. Gegen den Sprayer helfen nun mal keine guten Worte. Aber vielleicht, wer weiß, gegen all die entsetzlichen Stümper die Einführung eines Numerus clausus. Man könnte ein Probesprühen auf einer dafür vorgesehenen Wand ins Augen fassen - warum nicht im Tischtennisraum des Polizeipräsidiums, wo dann all die Scharlatane durch die Prüfung fallen würden wie durch einen großen Rost.
Die Fahndung nach einem einzigen Künstler ist unter dem Stichwort Wanted angelaufen. Denn allein in unserer Stadt, die schöner werden soll, peinigt eine Hundertschaft von Pfuschern. Dagegen will die Politik jetzt eine bildungspolitische Offensive ins Leben rufen. Das Ordnungsamt sprüht bereits vor Ehrgeiz, Polizeipräsident und Innenminister stellen sich in den Dienst einer sozialpädagogisch orientierten Lösung. Was darf man noch erwarten? Um das weitere Vorgehen in wenigen Strichen zu skizzieren: Jeder erwischte Sprayer wird zum mobilen Arrest in einer Wahlplakatabräumtruppe verdonnert. Wenn er ein heller Kopf ist und nicht bloß ein dumpfer Schmierer, wird er feststellen, dass er an den furchtbaren, den überall wild herumlungernden Wahlkampfplakaten ein bis heute in seinen Dimensionen noch nicht recht ausgelotetes Vorbild seiner die Stadt verschandelnden Taten hat.




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Copyright © Frankfurter Rundschau 2001 Dokument erstellt am 18.03.2001 Erscheinungsdatum 19.03.2001