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Die Stadt als Buchstabensuppe
"Leistet
Widerstand" verblasst langsam und "Angst" ist wieder weg:
Geht man in Berlin spazieren, ist es manchmal so, als hätten die
Zeichen eine Stimme. Und beim Fahrradfahren sind Graffitis wie der Text
unter dem Bild, durch das man gerade fährt
Im
Winter ist es gut, viel spazieren zu gehen. Radfahren ist zwar auch nicht
so schlecht, aber spazieren gehen ist besser. Die Stadt wird zum fragmentarisierten
Text, wenn man absichtslos durch die Gegend fährt oder geht und oft
stehen bleibt, um zu lesen, was die Leute da geschrieben haben; irgendwann
mal in einer Zeit, in der man hier auch schon irgendwo wohnte.
Manchmal
ist es so, als hätten die Zeichen eine Stimme. Keine bestimmte Stimme,
nur irgendeine Stimme. Manchmal flüstert sie, wenn eine Schrift klein
und halb verborgen ist, manchmal versteht man sie nicht, wenns auf Arabisch
ist, manchmal würde ein Graffiti gern schreien, wie die vielen Variationen
von "Warum muss der Sohn betteln", die im Sommer überall
hier, selbst auf dem Geldautomaten, standen.
Beim
Fahrradfahren sind Graffitis wie der Text unter dem Bild, durch das man
gerade fährt, als kleiner Held seines eigenen Films. Das geht mir
immer so, wenn ich an dem großen "ANGST" auf einem Bauwagen
an der Leipziger Straße Richtung Alex vorbeifahre. Nicht weil ich
nun selber so furchtbar viel Angst hätte, sondern weil so ein Foto
von der Leipziger Straße Richtung Alex mit diesem Bauwagen, wo "Angst"
draufsteht, interessanter aussieht als ein Foto vom Brandenburger Tor
mit dem Sat.1-Ballon im Sonnenschein über dem unerwähnten Gestapo-Gelände
zum Beispiel. Man würde gerne in einen Film reingehen, der mit so
einem tristmelancholisch graunassen Novemberbild der Leipziger Straße
wirbt. Zum Glück bin ich nicht Wim Wenders. Gestern war "Angst"
dann wieder weg.
Während
man als Radfahrer auf den größeren Straßen ein flüchtiger
Held des eigenen Films ist, wird man als winterlicher Tiergarten-Spaziergänger
zur festeren Hauptperson, wie Michael Rutschky in seinem Buch "Berlin
- die Stadt als Roman" schreibt: "Das kommt von der Natur."
Doch auch als Hauptperson ist man im Tiergarten flüchtig: "Denn
in den Straßen der Stadt stehen, laufen und fahren immer so viele
andere Leute herum, die ebenfalls die Hauptrolle beanspruchen, zu Recht.
Der Nachteil hier draußen, im Tiergarten: Es fehlt jedes Publikum,
vor allem im Winter. Wie kann man die Hauptrolle spielen, wenn niemand
zuschaut, außer du selbst? Du bist gleichzeitig im Zentrum und verschwunden."
In
der Kreuzberger Gegend, in der ich wohne, gibt es viele Schriften an den
Wänden aus verschiedenen Zeiten. Es ist schön, dass sie alle
noch da sind: die Solidaritätsaufrufe für Astrid Proll am Bergmannstraßenfriedhof,
die diversen verblassten "Leistet Widerstand" oder die Einladung
zur Revolution am Ersten Mai an den Wänden der romantisch-tristen
Nachkriegsmiethäuser am Marheinekeplatz. Diese Revolution muss etwa
1997 stattgefunden haben, jedenfalls hatte ich die Inschrift, die es in
drei Variationen gibt, damals zum ersten Mal gesehen, glaube ich, und
der Mai war längst vorbei. Manche Graffitis sind neu. Die hiesige
Jugendgang scheint noch an ihrem Logo zu feilen, das man hier und dort
auf den Gehwegen sieht.
In
der Zossener Straße, zwischen "Kaisers" und der Comicbuchhandlung
"Grober Unfug", hängt ein großes Volvo-Plakat mit
viel weißem Platz, der zum Raufschreiben einlädt. Auf diesem
Plakat entspann sich eine Art Gespräch: "Heute Afghanistan und
morgen wieder Polen? Nie wieder Deutschland!"
Statt
des Punktes unter dem Ausrufungszeichen gabs einen Offensive signalisierenden
Stern, ein Äquivalent sozusagen zu den Anarchokreisen, mit der eine
Weile jedes A in jeder aufrührerischen Wandbotschaft umkreist wurde,
was bei Afghanistan zu Absurditäten führen würde. "Obgleich
es auch schon Nazis mit Anarcho-A gab", wollte ich grad schreiben,
aber das stimmt nicht! Aber dass die Anarcho-As nicht mehr so in Mode
sind, ist Wahrheit. Die revolutionären Sterne auch nicht.
Neulich
hatte ich einen Dokumentarfilm über Ché Guevara gesehen, in
dem ein junger Schwede mit einer Ché-Guevara-Schablone vorkam.
Er sprühte dies bekannte Ché-Bild allerdings ohne den Stern
an der Mütze. Denn der Stern würde zu sehr an den Kommunismus
erinnern. Egal: Unter den pazifistisch zu interpretierenden Appell auf
dem Volvo-Plakat hatte jedenfalls jemand geschrieben: "Oh ja! Ein
so einfaches Weltbild wie du hätte ich auch gerne. Dann bräuchte
ich auch nicht mehr so viel über Politik nachzudenken, sondern wüsste
immer, ohne nachzudenken, was richtig und was falsch ist."
Nun
schreiben auch schon Lehrer auf Plakate rauf und man denkt, dann denkst
du halt mal zwei Jahre nicht über Politik nach, der Welt wirds auch
nicht schaden und du hast ein bisschen mehr Spaß.
Der
zweite Wandschreiber war vermutlich ein realopazifistischer Grüner.
Die Partei meiner Wahl erzielt in der Gegend Ergebnisse um die 50 Prozent.
Deshalb duzt man einander, wenn man einander antwortet auf den Plakaten:
"Ich glaube, du kannst sowieso nicht nachdenken. Krieg ist falsch,
du Wixer!" Zwei Mädchen lasen im Regen hinter mir das Geschriebene
und fanden es blöd, dass Wichser mit "x" geschrieben worden
war. "Das ist so bescheuert, wie ,Kackstadt' statt Karstadt zu sagen.
Auf so einem Niveau bewegt sich das doch."
Manches
ist rührend. In der Riemannstraße zum Beispiel. Zwei Meter
hinter "Genua - wer ist der Nächste?" stand "Genua
- wer ist die Nächste?" Ziemlich groß sowie poetisch ambitioniert
klang "Von den Türmen der Patriarchate weht der Krieg der Gier.
Zwei Türme sind betroffen. Bewahrt das Leben und die Liebe";
witzig das "Autos muss sterben, damit wir leben können"
in der Methfesselstraße.
Am
durchgedrehtesten erschien mir aber das Schaufenster des hippiehöhlenartigen
Reisebüros in der Zossener Straße. Dort wurde für eine
Spontan-&-Billig-Reise nach Sterzing (Südtirol) geworben. Mit
"Ratschings-Jaufen"! WAS IST DAS?
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taz
berlin lokal 21.12.2001 kolumne von: DETLEF KUHLBRODT
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Veröffentlichung
mit freundlicher Genehmigung der taz
- die tageszeitung
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