B e r ü h r e n   V e r b o t e n
Graffiti-Künstler Loomit plant eine Freiluft-Pinakothek der Moderne

Die Unschuld ist weiß wie eine Wand.
Nichts reizt Graffiti-Sprüher mehr. Unberührte Stellen des Stadtgesichts wollen sie erröten lassen.
Oder gelb oder blau färben.
Das Ende der Unschuld heißt Sachbeschädigung.


Aber es gibt auch Sprüher, die schmieren nicht, die machen Kunst. Der bekannteste unter ihnen ist Loomit, einer der Gründerväter der Münchner Szene. Als er 14 Jahre alt war und noch Mathias Köhler gerufen wurde, lackierte er den Wasserturm von Buchloe, ein Jahr später stand er zum ersten Mal vor Gericht. Heute ist er ein weltweit gefragter, in seiner Heimatstadt offiziell anerkannter Mann. Oberbürgermeister Christian Ude ließ sich sein Badezimmer von Loomit ausmalen. Im vergangenen Jahr überreichte er ihm den Schwabinger Kunstpreis.
Mit dem Ende der Schuld kennt sich Loomit jedenfalls so gut aus wie mit dem Ende der Unschuld. Deshalb hat er zurzeit gute Argumente bei den Verhandlungen mit den neuen Herren des ehemaligen Kunstparks Ost. Dort hat Loomit ein Studio gemietet und zusammen mit namhaften Kollegen einige Wände bemalt.

Eigentlich sollte Kunstpark-Chef Wolfgang Nöth diese Wände weißen, das Gelände besenrein an die Firma Narotec übergeben, die in Zukunft die Mietverhältnisse regelt. Aber nach mehreren Verhandlungen sieht es nun so aus, als ob Loomits Kunst ein Bleiberecht bekäme. Selbst die als bekennende Saubermänner auftretenden Narotec-Manager sind anscheinend offen für eine Strategie Loomits: abschreckende Kreativität. „Wir genießen Respekt“, sagt Loomit, „kein Sprayer getraut sich, auf einem Bild rumzukrakeln, das unsere Namen trägt.“
Das heißt: Wenn eine Wand schon nicht lange weiß bleibt, soll sie wenigstens ein Kunstwerk zieren.

Dass ausgerechnet ein Graffiti-Maler Vorschläge zum Fassadenschutz macht, klingt erst einmal paradox. Aber Loomit geht noch weiter. Er hat ein Konzept für Dosenkunst im öffentlichen Raum entworfen, das so einmalig wie ausgeklügelt ist: den so genannten „Graffitipfad“. Der Plan: Loomit und andere Spitzen-Sprüher aus aller Welt bekommen die Erlaubnis, Wandflächen im Auftrag von Sponsoren zu gestalten. Die Werke werden in einem Kunstband vorgestellt, spezielle Stadtführungen steuern die Freiluft-Gemälde an. Bereits vollendete Meilensteine des „Graffitipfades“ wären die Begrenzungsmauer der Muffathalle, die vergangenen Herbst von Loomit besprüht wurde, die Brudermühlbrücke, die bereits seit 1996 beim jährlichen Branchentreff Isart von Graffiti-Größen bemalt wird, und die Kunstpark-Werke.
Die Stadt signalisierte bereits, weitere Flächen zur Verfügung zu stellen. Alle Standorte zusammen ergäben eine Art szenige
Open-Air-Pinakothek der Moderne. „Dadurch hat München die Gelegenheit, sich auch abseits des hochkulturellen, intellektuellen Zugangs durch avantgardistische Kunst zu präsentieren“, schwärmt Jörg Heitsch.
Seine Galerie Kunstnetzwerk in der Reichenbachstraße beherbergt das Projektbüro des „Graffitipfades“. Dort ist eine Ausstellung mit Arbeiten Loomits zu sehen: Leinwände sowie Fotos und Berichte von internationalen Großprojekten. Außerdem sollen begleitende Partys, so genannte „Artlounges“, etwaigen Auftraggebern und Promotern das Vorhaben schmackhaft machen. Profitieren könnten alle Beteiligten vom „Graffitipfad“. Die Künstler bekommen Ausstellungsflächen und Honorare. Die Stadt gibt sich einmal mehr kunstsinnig und liberal. Die Sponsoren finden ihre Logos kunstvoll verschnörkelt auf den beauftragten Wandgemälden wieder. Wer eine Fläche stiftet, bekommt zügig eine professionelle Arbeit geliefert - und einen Schutz vor Schmierereien.
Deshalb sind die Geschädigten der Graffiti-Attacken von gestern unter den bevorzugten Geschäftspartnern von morgen - was einerseits die beachtliche Weiterentwicklung einer Szene bedeutet, die aus dem illegalen Untergrund kommt, andererseits die Frage nach ihrem Ausverkauf aufwirft.

Loomit, 34 Jahre alt, verheiratet, Vater, sieht das Geldige sachlich: „Von Ausverkauf reden nur Leute, die jünger sind als 25, keine Ahnung haben, was eine Krankenversicherung kostet und drei Mal täglich warmes Essen von Mutti bekommen.“
So fällt ihm noch ein weiterer Pluspunkt für den „Graffitipfad“ ein: „Wir leisten pädagogische Arbeit.“ Sprüh-Unterricht gibt Autodidakt Loomit ohnehin schon seit Jahren. Die Nachfrage nach seinen Workshops ist groß. „Noch nie zuvor hat sich eine Jugendkultur über die Malerei definiert“, sagt Loomit. Der Erfolg einer Kunst, die von der Straße und aus dem Leben, nicht aus der Akademie kommt.



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© JOCHEN TEMSCH 2002